Blog über Architektur- und Designpsychologie

Der Reiz des Alten

Historische Gebäude scheinen eine gewisse Anziehungskraft zu haben, die sich nie abnutzt. Warum mögen wir alte Gebäude so sehr?

Viele der bekanntesten und beliebtesten Orte in Städten auf der ganzen Welt sind Gebäude, die aus vergangenen Jahrhunderten stammen. Sie scheinen die Bürger regelrecht anzuziehen und zugleich Anmut und Gemütlichkeit auszustrahlen. Aber warum mögen wir alte Gebäude so sehr und warum kann moderne Architektur häufig nicht denselben Charme versprühen?

Wie das Alte das Neue überdauert

Die historischen Stadtkerne vieler deutscher Städte wurden im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Nachdem der Krieg vorbei und die Bauruinen beseitigt waren, gab es einen riesigen Bedarf an Wohnraum und Gebäuden im Allgemeinen. In nur ein bis zwei Jahrzehnten wurden zahlreiche neue Gebäude errichtet, die das Aussehen der Städte vollständig veränderten. Frankfurt am Main beispielsweise hat sich von einer mittelalterlichen Handelsstadt zu einem finanziellen Knotenpunkt mit Hochhäusern und Geschäftssitzen gewandelt.

Zu Anfang wurden viele der neuen Gebäude als ein Zeichen der Erholung und des Wohlstands betrachtet. Als sich das Jahrtausend dem Ende näherte, stieg aber auch die Unzufriedenheit mit dem neuen Aussehen der Städte. Schließlich führte das dazu, dass eigentlich noch recht junge Gebäude niedergerissen und durch Nachbildungen der historischen Gebäude ersetzt wurden, die zuvor an dieser Stelle gestanden hatten. In Frankfurt am Main wurde 2010 etwa das Technische Rathaus in der Stadtmitte abgerissen, das erst 36 Jahre zuvor im Jahr 1974 fertig errichtet worden war. Die „neue Altstadt“ Dom Römer nähert sich nun ihrer Fertigstellung. Die Preise in diesem Stadtviertel werden ziemlich hoch sein – nicht nur weil die Lage sehr zentral ist, sondern gerade auch wegen seines historischen Aussehens.

Construction site of Humboldtforum in Berlin.

Baustelle des Humboldtforum in Berlin.

Ein anderes, sehr prominentes Beispiel ist das Humboldtforum in Berlin. Die Fassade des Gebäudes ist eine Nachbildung des Berliner Schlosses, das im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und schließlich 1950 gesprengt worden war. Anschließend wurde hier 1976 der Palast der Republik errichtet. Das Gebäude, das unter anderem als Sitz des Parlaments der DDR, aber auch als öffentlicher Vergnügungsort diente, kann durchaus als modern und gelungen bezeichnet werden, wie die Bildstrecke in diesem Artikel von Spiegel Online zeigt. Auch wenn aus anderer Sicht vieles Gegen den Palast der Republik sprechen mag.

Aus einer Reihe verschiedener Gründe wurde das Gebäude 2008 vollständig abgerissen. Vorrangig ist hier wohl zu nennen, dass es durch seine Asbestverseuchung nicht mehr von der Öffentlichkeit betreten werden konnte. Als Nachfolge fiel die Entscheidung aber nicht auf einen modernen Bau. Stattdessen wurde ein kulturelles Forum mit dem Aussehen des Berliner Schlosses geplant, das nun nach und nach die historische Architektur auf der Museumsinsel vervollständigt.

Die meisten Menschen, die heute in Deutschland leben, haben das echte Berliner Schloss jedoch nie zu Gesicht bekommen. Ebenso wenig sind sie je durch die historischen Straßen von Frankfurt am Main gelaufen. Trotzdem scheinen viele begeistert von derartigen Bauprojekten, wie sich etwa am Besucherandrang von Tagen der offenen Tür zeigt. Warum mögen wir historische Gebäude also so sehr?

Was schöne Gebäude ausmacht

Wie Philip Hubbard in seiner Studie vermutet, gibt es zwei unterschiedliche Faktoren, die historische Gebäude besonders angenehm machen: ihr Aussehen und die Bedeutung, die sie tragen. Eine Hand voll weiterer Studien, die untersuchen, was angenehme Fassadengestaltung generell ausmacht, können außerdem zur Beantwortung der Frage beitragen.

Komplexität

Die Forscher Pall Lindal und Terry Hartig haben gezeigt, dass Menschen Umgebungen mit mittlerer Komplexität bevorzugen. Komplexität misst sich unter anderem an der Anzahl unterschiedlicher Gebäude in einem Straßenblock sowie an der Zahl unterschiedlicher, nicht zusammenpassender Gestaltungselemente an der Fassade eines Gebäudes. Darüber hinaus sind Gebäude umso komplexer, desto mehr Brüche sich in ihrer Silhouette finden. Wenn Gebäude zu einfach sind, wirken sie schnell monoton und langweilig. Viele neuere Gebäude wie etwa einige Nachkriegsbauten, die mit kleinem Budget errichtet wurden, fallen in diese Kategorie. Auf der anderen Seite führt zu große Komplexität dazu, dass ein Gebäude als unruhig und störend wahrgenommen wird.

Interessanterweise sind aber viele Gebäude mit einem minimalistischen Design durchaus beliebt. Es gibt nämlich einen wichtigen Unterschied zwischen einem Gebäude etwa im Bauhaus Stil und einem günstig erbauten Wohnhaus der Nachkriegszeit. Während Bauhaus in der Tat durch Reduktion und das weitgehende Weglassen von Ornamenten gekennzeichnet ist, so ist die Anordnung unterschiedlicher Gestaltungselemente in der Regel doch einzigartig. Jedes Gebäude scheint eine Geschichte über seinen Zweck und seine Interaktion mit der Umwelt zu erzählen.

Gebäude im Bauhaus Stil scheinen eine Geschichte über ihren speziellen Zweck und ihre Interaktion mit der Umwelt zu erzählen.

Beobachten kann man das beispielsweise in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, wo eine mittlere Komplexität vor allem zwischen verschiedenen Gebäuden erzielt wird. Jedes Haus für sich sieht zwar relativ minimalistisch und einheitlich aus, da seine Fassade kaum verziert ist. Doch innerhalb der Siedlung ist jedes Gebäude einzigartig. Viele Nachkriegsgebäude hingegen stehen ziemlich isoliert von ihrer Umgebung dar und zeigen wenig Komplexität sowohl in der Gestaltung eines Hauses als auch innerhalb eines Quartiers, wie auch Philip Hubbard anmerkt.

Ein Grund hierfür kann auch sein, dass moderne Architektur oft in viel zu großen Ausmaßen geplant wird. Die Art und Weise wie historische Städte gewachsen sind hat dazu geführt, dass sie aus vielen kleineren Häusern mit unterschiedlicher Höhe und Breite bestehen. Einige moderne Bauprojekte versuchen dieses Muster zu imitieren, indem die Fassade in unterschiedliche Abschnitte mit leicht variiertem Design aufgeteilt wird. Da die Gebäudehöhe, die Geschosshöhe und die generelle Struktur jedoch häufig gleich bleibt, ist von außen leicht zu erkennen, dass es sich um einen Planungsabschnitt handelt, sodass die positiven Auswirkungen der unterschiedlichen Gestaltungsabschnitte gering bleiben dürften.

Modern architecture often only takes full effect in the context of old buildings.

Moderne Architektur entfaltet ihre Wirkung oft nur im Kontext alter Gebäude.

Vertrautheit

Auch wenn historische Architektur überwiegend vor unserer Geburt errichtet wurde, so sind wir doch sehr vertraut mit ihrem Aussehen. In einer bestimmten geographischen Region lassen sich die Gebäude eines speziellen Zeitraums gut an bestimmten Mustern und Gestaltungselementen erkennen. Aus diesem Grund ist die Vertrautheit historischer Gebäude oft höher als die moderner Architektur. Philip Hubbard zufolge mögen Menschen besonders Architektur, die einen mittleren Grad an Vertrautheit besitzt.

Abgesehen davon kann aber auch neue, ungewohnte Architektur eine angenehme Wirkung haben, solange das Ausmaß der Unbekanntheit nicht zu groß ist. Jack Nasar berichtet zudem einen interessanten Befund: Architekten tendieren dazu solche Gebäude zu mögen, die Laien nicht gefallen – und umgekehrt. Das mag ein Grund sein, weshalb moderne Gebäude häufig zu außergewöhnlich und progressiv erscheinen, um der Mehrheit der Menschen zu gefallen. Ein solches Beispiel könnte die brutalistische Architektur der 50er bis 70er Jahre sein. Aus dieser Überlegung könnte geschlossen werden, dass Architekten eher ein Design anstreben sollten, das ihnen persönlich ein wenig zu konventionell erscheint. Alternativ könnte die Reaktion von Laien auf verschiedene architektonische Entwürfe getestet werden.

Auf der anderen Seite zeigen Fälle wie der Eiffelturm, dass auch solche Gebäude nach einiger Zeit sehr beliebt werden können, die zu Beginn auf wenig Gegenliebe gestoßen sind. So betont Nasar, dass Gebäude mit hoher Komplexität und wenig Vertrautheit auch als aufregend empfunden werden können. Das trifft jedoch nicht in jedem Kontext zu. Ob die Gestaltung eines Gebäudes eher vertraut oder unvertraut sein sollte, hängt von dessen Nutzung ab. Ein aufregendes Design war für den Eiffelturm wohl durchaus erstrebenswert, da er als Wahrzeichen für die Weltausstellung 1889 in Paris diente. Ein Wohngebäude hingegen wird von einem gewöhnlicheren Design profitieren, das verbreitete Gestaltungselemente aufgreift und eine wohlstrukturierte Fassade hat.

Natürlichkeit

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass natürliche Materialien generell als angenehmer empfunden werden als künstliche. In der modernen Architektur ist die Nutzung künstlicher Materialien deutlich höher als bei historischen Gebäuden, zu deren Entstehungszeit es viele der heutigen Materialien noch gar nicht gab. Häufig ist es wohl eine finanzielle Frage, ob natürliche Ressourcen eingesetzt werden können. Insbesondere für Geschosse, die für Fußgänger von der Straße aus gut sichtbar sind, macht es aber Sinn, möglichst viele natürliche Materialien einzusetzen.

Symbolismus

Das Aussehen eines Gebäudes vermittelt nicht nur einen bestimmten ästhetischen Wert, sondern vor allem auch eine Bedeutung, wie Philip Hubbard unterstreicht. Wichtig scheint aber gar nicht so sehr die tatsächliche Geschichte eines Gebäudes zu sein, sondern die Bedeutung, die Menschen in ein Gebäude interpretieren. Alleine das Vorhandensein alter Gebäude kann ein Gefühl von Bewahrung, Verwurzelung und Bedeutsamkeit vermitteln. Menschen können sich selbst als Teil einer längeren Geschichte erkennen. Auf diese Weise erzeugen historische Gebäude ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Gruppenidentität.

Grundsätzlich kann auch moderne Architektur dazu beitragen, eine lokale Identität aufzubauen. Auch die Architektur hat jedoch eine Globalisierung erfahren, sodass neuere Architektur sehr ähnlich aussehen kann, selbst wenn sie an völlig unterschiedlichen Orten auf der Welt steht. Historische Gebäude zeigen in einer bestimmten Gegend zwar häufig wenig Variation, unterscheideen sich zwischen verschiedenen Kulturkreisen aber sehr stark. Das könnte ein Grund sein, weshalb es moderner Architektur nicht recht gelingt, ältere Gebäude in ihrer Funktion der Bildung einer lokalen Identität abzulösen.

Is some modern architecture too large in scale?

Sind die Dimensionen moderner Architektur oft schlicht zu groß?

Die Umstände haben sich geändert

Moderne und historische Architektur unterscheiden sich also in ihrer Gestaltung und in der Bedeutung, die sie tragen. Aber warum scheinen gerade historische Gebäude die gestalterischen Anforderungen besser zu erfüllen als viele moderne Architektur? Eine mögliche Erklärung stützt sich auf die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse. Die heutige westliche Gesellschaft ist sehr viel individualistischer als noch vor wenigen Generationen. Damals war es entsprechend wohl auch weniger üblich gegen den Zeitgeist zu verstoßen, so wie auch die Malerei und Bildhauerei einheitlicher war als sie sich heute zeigt. Der Einsatz über lange Zeit entwickelter und erprobter Gestaltungselemente führte zu einer moderaten Komplexität und Vertrautheit von Architektur.

Darüber hinaus hat sich auch das Berufsbild des Architekten stark gewandelt, was unter anderem mit der Größe der Bauprojekte zu tun hat. Architekten waren üblicherweise Generalisten, die nicht selten sowohl für die Konstruktion als auch für die Ausführung des gesamten Gebäudes zuständig waren – Aufgaben, die in modernen Architekturbüros auf eine ganze Gruppe von Personen aufgeteilt werden. Daraus folgt, dass Architekten wohl auch weniger Ressourcen zur Verfügung hatten, um ein völlig neues Gebäudedesign zu entwickeln.

Zudem haben sich auch die technischen Möglichkeiten stark entwickelt. Architektonische Elemente wie große Glasfassaden, freischwebende Decken und Schwimmbäder auf Dächern sind erst durch moderne Materialien und Konstruktionsmethoden möglich geworden. Die Dauer zur Errichtung eines Gebäudes war außerdem sehr viel länger und einmal errichtete Gebäude blieben über viel größere Zeiträume erhalten. Eine häufige Veränderung des architektonischen Stils wäre aus diesem Grund weder erstrebenswert noch wirklich möglich gewesen.

Zusammenfassung

Es scheint, dass historische Gebäude in einigen Fällen tatsächlich gestalterisch ansprechender sind, da ihr Grad an Komplexität und Vertrautheit ausgewogener und der Einsatz natürlicher Materialien verbreiteter ist. Auf der Bedeutungsebene können sie Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Identität geben. Moderne Architektur könnte diese Kriterien ebenfalls erfüllen. Die Verlockungen durch bautechnische Möglichkeiten, die Dimensionen moderner Bauprojekte, finanzielle Einschränkungen oder Anforderungen durch Bauherren scheinen aber häufig die Absicht zu durchkreuzen, eine ausgewogene Architektur zu entwerfen. Hinzu kommt, dass Architekten dazu neigen können Gebäude zu entwerfen, die für das ungeübte Auge zu hektisch und ungewöhnlich wirken.

Eine Lösung könnte sein, Bürger sowohl bei der Planung konkreter Gebäude als auch bei der Ausarbeitung von städtischen Entwicklungsplänen und Gestaltungssatzungen stärker mit einzubeziehen. Glücklicherweise gibt es aber durchaus auch moderne Architektur, die es mit der gestalterischen Qualität historischer Gebäude aufnehmen kann.

 

Tags

Architektur
Fassade
Historisch
Modern