Blog über Architektur- und Designpsychologie

Berlins Designerviertel

Die Spandauer Vorstadt in Berlin ist nicht wie die anderen Stadtteile. Als Hotspot für Kunst und Kultur hat sie aber auch ihren Preis.

Hervorragend angebunden, übersäht mit beeindruckender Architektur, gespickt mit exquisiten Shops und schicken Cafés. Abseits der großen Straßen gibt es für Kunst- und Designinteressierte in der Spandauer Vorstadt jede Menge zu entdecken. Für die meisten ist das Viertel inzwischen aber unerschwinglich.

Die Entstehung der Spandauer Vorstadt

Ende des 17. Jahrhunderts war es hinter den Berliner Stadtmauern ganz schön eng geworden. Die Stadtgrenze reichte damals etwa vom Hauptgebäude der Humboldt-Universität bis zum Alexanderplatz, eine Distanz von weniger als 2 Kilometern. Gut, dass Kurfürstin Dorothea von ihrem Gemahl Friedrich Wilhelm Ländereien im Westen und Norden der Stadt zur Hochzeit geschenkt bekam. Sie entschied sich nämlich dazu, das geschenkte Land in Parzellen aufzuteilen und an Bürger zu verkaufen, um Geld in ihre Kasse zu spülen.

Bislang wurde das Land hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt. Lediglich im heutigen Scheunenviertel, das im Osten der Spandauer Vorstadt liegt, hatte der Kurfürst einige Scheunen errichten lassen. Aus Brandgefahr hatte er die Lagerung von Heu innerhalb der Stadtmauern verboten. Da man das Heu jedoch für den Viehmarkt auf dem Alexanderplatz benötigte, waren die Scheunen direkt vor den Toren der Stadt errichtet worden.

Der östliche Teil

Im 18. Jahrhundert befahl Friedrich Wilhelm I. schließlich allen Berliner Juden, ins inzwischen eng bebaute Scheunenviertel zu ziehen, sofern sie kein eigenes Haus in der Stadt hatten. Schon damals war Antisemitismus politische Realität. Auf diese Weise entstand dort nach und nach eine jüdische Gemeinde, die sich noch heute an den jüdischen Friedhöfen und der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße erkennen lässt.

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße zeugt von den jüdischen Wurzeln des Viertels.

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße zeugt von den jüdischen Wurzeln des Viertels.

Zur Zeit der Industrialisierung entwickelte sich das Viertel dann zu einem Problemfall. Viele Menschen zogen zum Arbeiten nach Berlin, konnten sich aber lediglich die Mieten im eng bebauten Scheunenviertel leisten. Oft drängten sich daher viel zu viele Menschen in den kleinen Wohnungen, die Armut stieg, Kriminalität und Prostitution nahmen zu.

Ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Scheunenviertel daher umgestaltet. Einige der schmalen Scheunengassen wurden überbaut, um Platz für großzügigere Gebäude zu schaffen. Als Kernelement des neuen Viertels wurde der neue Rosa-Luxemburg-Platz mit der 1914 vollendeten Volksbühne erschaffen.

Die Volksbühne im Scheunenviertel.

Die Volksbühne im Scheunenviertel.

Der westliche Teil

Der von Kurfürstin Dorothea veräußerte, westliche Teil der Spandauer Vorstadt hingegen war ein Anziehungspunkt für das wohlhabende Bürgertum. Daran mag neben der Stadtnähe wohl auch die Nachbarschaft zum Schloss Monbijou gelegen haben, das Dorothea als Sommersitz diente. Das Schloss stand im heutigen Monbijoupark, wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg beschädigt und genau wie das Berliner Stadtschloss 1959 vom Ost-Berliner Magistrat abgerissen.

Mit dem Aufschwung Berlins zur internationalen Metropole zu Beginn des letzten Jahrhunderts wandelte sich auch die Spandauer Vorstadt. Zu der gleichen Zeit, als die Restrukturierung des östlichen Teils erfolgte, wurden auch im Westen viele der Gebäude errichtet, die noch heute das Viertel ausmachen. Der Stadtteil etablierte sich insbesondere für Vergnügungslustige. Entsprechend waren unter den Neubauten viele Einkaufspassagen, Tanzlokale, Theater und Varietés.

Die Besonderheiten des Viertels

Seinen heutigen Charme verdankt das Viertel wohl auch seiner besonderen Straßenführung. In kaum einem anderen Stadtteil in Berlin laufen die Straßen so spitz zu wie hier. Das schafft zahlreiche kleine Plätze in Dreiecksform, die mitunter als Spielplätze, Parks oder für Cafés genutzt werden. Beim Schlendern durch die Straßen eröffnen sich immer wieder neue Wege und Umbrüche, die für Abwechslung und eine gewisse Verspieltheit sorgen. Dadurch erinnert das Viertel gelegentlich mehr an eine oberbayerische Kleinstadt als an das meist großzügig angelegte, restliche Berlin.

Übersichtskarte über die Spandauer Vorstadt.

Übersichtskarte über die Spandauer Vorstadt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Spandauer Vorstadt vergleichsweise wenig beschädigt. Unter anderem kann man heute noch wunderschöne Hinterhöfe entdecken. Die Hackeschen Höfe bieten zum Beispiel eine große Auswahl an Kunst- und Modegeschäften. Vor allem der erste Hof ist beeindruckend: Die Fassaden sind hier mit einem aufwändigen Jugendstil-Mosaik verkleidet. Weitere, sehenswerte Innenhöfe sind etwa der Hof vor den Sophiensälen oder der Kunsthof Berlin in der Oranienburger Straße.

Eines der vielen spitz zulaufenden Häuser.

Eines der vielen spitz zulaufenden Häuser.

Der Einfluss der Umgebung

Die Spandauer Vorstadt wäre wohl nicht dasselbe ohne ihre zentrale Lage. Ein wichtiger Einfluss geht von den unzähligen kulturellen Einrichtungen aus, die sich in der direkten Nachbarschaft befinden. Im 19. und 20. Jahrhundert entstand süd-östlich der Spandauer Vorstadt ein kulturelles Zentrum von Weltrang. Den Anfang machten die Pläne Karl Friedrich Schinkels aus dem Jahre 1822, die nördliche Spree-Insel mit Museen zu bebauen. Wenige hundert Meter westlich der Museumsinsel befinden sich zudem das Deutsche Theater, das Berliner Ensemble, der Friedrichstadtpalast und die Kunstsammlung Boros auf kleinstem Raum.

Hauptsache schick: Ein Stuhl vor einer Boutique in der Mulackstraße.

Hauptsache schick: Ein Stuhl vor einer Boutique in der Mulackstraße.

Im Nord-Osten schließt Prenzlauer Berg an das Viertel an. Der Stadtteil war im Zweiten Weltkrieg weniger versehrt worden als andere Teile Berlins. Nach dem Bau der Mauer wurden die trotz allem in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude jedoch kaum gepflegt, da der Fokus auf dem Neubau moderner Mietshäuser lag. Auch nach der Wiedervereinigung galt Prenzlauer Berg als heruntergekommenes Viertel mit großem Leerstand. Ein umfassendes Sanierungsprogramm führte schließlich dazu, dass die Attraktivität des Stadtteils erheblich zunahm. Heute ist Prenzlauer Berg als Wohnort für Besserverdienende und Familien bekannt. Entsprechend sind viele Seitenstraßen in der Spandauer Vorstadt gefüllt mit kleinen Boutiquen, Galerien, Cafés und Restaurants. Die Klientel ist international und wohlhabend.

Ein kleines Eiscafé in der Sophienstraße.

Ein kleines Eiscafé in der Sophienstraße.

Ein Viertel mit Preisschild

Was das Viertel einerseits besonders macht, ist zugleicht wohl auch seine größte Gefahr. Die starke Gentrifizierung und der Andrang an Touristen vor allem rund um den Hackeschen Markt, die Oranienburger Straße und die Torstraße lassen die Preise empfindlich steigen. So scheint sich der Stadtteil vom restlichen Berlin abzutrennen.

Shopping in der Spandauer Vorstadt ist nicht für jeden erschwinglich.

Shopping in der Spandauer Vorstadt ist nicht für jeden erschwinglich.

Shops und Boutiquen reihen sich aneinander wie Kleiderbügel auf der Stange.

Shops und Boutiquen reihen sich aneinander wie Kleiderbügel auf der Stange.

Dennoch hat sich das Viertel auch eine gewisse Anziehungskraft und Authentizität bewahrt. Einige Wände sind mit Street Art verziert, überall stehen Fahrräder und Motorroller herum. Der Monbijoupark ist einer der wenigen zentralen Parks, in denen im Sommer das Grillen erlaubt ist. Die Torstraße ist auch unter Berlinern eine beliebte Ausgehmeile. Die Volksbühne unter der Leitung von Frank Castorf provoziert mit ungewöhnlichen, teils obszönen Aufführungen und zieht so bildungsnahes Publikum an.

B wie Berlin-Banane: Street Art in der Spandauer Vorstadt.

B wie Berlin-Banane: Street Art in der Spandauer Vorstadt.

Auch die Geschichte des Viertels lässt sich an vielen Stellen noch erleben. So ist das 1913 eröffnete Tanzlokal Clärchens Ballhaus in der Auguststraße noch immer in Betrieb. Nicht weit entfernt befindet sich die Jüdische Mädchenschule, die 2012 renoviert wurde und nun für Ausstellungen und Gastronomie genutzt wird.

Anstehende Entwicklungen

Ob die Spandauer Vorstadt auch weiterhin für ein breites Publikum attraktiv bleibt, hängt davon ab, ob das Gleichgewicht aus Geschichte, kulturellen Angebot, internationalem Einfluss und einer gewissen Unvollkommenheit erhalten werden kann.

Noch gibt es Raum für Unvollkommenheit und Gegensätze.

Noch gibt es Raum für Unvollkommenheit und Gegensätze.

Eine wichtige Rolle wird hierfür die weitere Entwicklung des Tacheles spielen. Das 1909 unter dem Namen Friedrichstraßenpassage errichtete Gebäude diente zunächst als Einkaufspassage. Den Krieg hatte es gut überstanden, doch als man in den 60er und 70er Jahren die Statik kritisch einschätze, wurde 1980 ein Teil des Gebäudes gesprengt. Die Künstlerinitiative Tacheles besetzte den verbliebenen Gebäudeteil, um einen weiteren Abriss zu verhindern. Tatsächlich befanden neuere Gutachten die Statik des Gebäudes als in Ordnung, sodass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt werden konnte. Die Künstlergruppe nutzte das Gebäude anschließend bis 2011 für Ausstellungen und betrieb dort ein Kino und Gastronomie. Zuletzt konnte sie sich aber die Miete für das Gebäude nicht mehr leisten.

Wie lange dauert das Jetzt? – fragt die Seitenwand des Tacheles. Bald werden wir es wissen.

Wie lange dauert das Jetzt? – fragt die Seitenwand des Tacheles. Bald werden wir es wissen.

Nun soll das Areal rund um das Tacheles bebaut werden. Das bestehende Tacheles-Gebäude soll renoviert und weiterhin kulturell genutzt werden. Auf dem restlichen Gelände sollen Neubauten entstehen, deren Baumasse sich an der ehemaligen Einkaufspassage orientieren. Seit der kleinteiligen Neubebauung des Hackeschen Markts im postmodernen Stil könnte dies das wichtigste Projekt für die Spandauer Vorstadt werden.

Platten-Romantik in der Linienstraße am Rande des Viertels.

Platten-Romantik in der Linienstraße am Rande des Viertels.

Ein anderes Bauprojekt befindet sich gegenüber des Bode-Museums. Hier entsteht derzeit das Forum Museumsinsel. Das Projekt soll dieses Jahr fertig gestellt werden und wird hochpreisige Wohnungen, moderne Loft-Büros sowie Ausstellungsflächen und Geschäfte bieten. Positiv ist, dass die sechs beeindruckenden Gebäude auf dem Areal, die jeweils in unterschiedlichen Architekturstilen errichtet wurden, umfassend saniert wurden. Fraglich bleibt jedoch, welche Spuren die fortschreitende Gentrifizierung im restlichen Viertel hinterlassen wird. Direkt gegenüber des Bauareals befindet sich etwa die Strandbar Mitte: Direkt an der Spree kann man hier unter freiem Himmel Tango, Salsa oder Swing tanzen und sich an Bretterbuden ein Getränk zur Erfrischung kaufen. Derartige Angebote könnten durch die steigenden Preise in Bedrängnis geraten.

Es bleibt zu hoffen, dass die Spandauer Vorstadt auch in Zukunft für alle Bürger ein Angebot machen kann, nicht nur für jene, deren Geldbeutel dick genug ist. Sonst heißt es bald: „Nur gucken, nicht anfassen!“

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