Blog über Architektur- und Designpsychologie

Zeit ist ein Gefühl

Die Wahrnehmung der Zeit ist etwas Subjektives. Durch gutes Design kann sie jedoch beeinflusst werden.

Kaum etwas beeinflusst unser Leben so nachhaltig wie die Zeit. Auch bei der Wahrnehmung von Produkten und Services spielt sie eine wichtige Rolle. Trotzdem ist sie wenig greifbar. Eine bestimmte Zeitspanne kann sich subjektiv länger oder kürzer anfühlen. In der Psychologie interessieren sich Forscher deshalb seit einigen Jahren verstärkt für die Frage, wann die Zeit für uns schnell oder langsam vergeht. Noch sind die Zusammenhänge alles andere als eindeutig. Für das Design lassen sich dennoch einige Punkte ableiten.

Wie entsteht Zeitwahrnehmung?

Wie Zeitwahrnehmung grundlegend funktioniert lässt sich bislang nicht mit Sicherheit sagen. Ein relativ früher Ansatz geht davon aus, dass wir in uns einen Mechanismus haben, der so ähnlich wie eine Uhr funktioniert. Er soll aus einem inneren Metronom und einem Aufzeichner bestehen, der die Takte empfangen und speichern kann. Je mehr Takte der Aufzeichner registriert, desto länger kommt uns eine Zeitspanne vor. Wie schnell der Taktgeber ausschlägt, hängt vom Zustand des Körpers und der jeweiligen Situation ab.

Mechanischen Beschreibungen des Menschen wie dieses Uhren-Modell waren in der Psychologie lange in Mode. Mitte des letzten Jahrhunderts war man vom schnellen Voranschreiten der technischen Entwicklung begeistert. In mechanischen Modellen sah man die Möglichkeit, die komplizierten Prozesse im Menschen verständlicher zu machen und einfacher messen zu können. Auch heute noch werden diese Modelle viel beachtet, da sie sehr ausgereift sind und den Menschen in vielen Fällen gut erklären. Trotzdem stehen ihnen einige Forscher inzwischen kritisch gegenüber. Funktioniert die menschliche Zeitwahrnehmung wirklich wie eine tickende Uhr? Vielleicht ist dieses Modell ein bisschen zu einfach.

Ein neuerer Ansatz ist, dass unsere Zeitwahrnehmung nicht von einer einzelnen Funktion übernommen wird. Stattdessen soll sich das Zeitempfinden indirekt aus verschiedenen Signalen und Prozessen im Körper ergeben. Es könnte sein, dass wir Veränderungen unseres Körperzustands unbewusst als Hinweis auf das Verstreichen von Zeit werten. Insbesondere Personen, die sehr sensibel in Bezug auf ihre eigenen Körpersignale wie etwa ihren Herzschlag oder die Temperatur ihrer Haut sind, können die Dauer von Zeitspannen besonders gut einschätzen.

Eine Uhr im Hauptbahnhof Leipzig – wo Menschen warten, ist Zeitdesign besonders entscheidend.

Eine Uhr im Hauptbahnhof Leipzig – wo Menschen warten, ist Zeitdesign besonders entscheidend.

Welche Rolle spielt Zeit fürs Design?

Die Zeit ist knapp und deshalb wollen Menschen sie nicht verschwenden. Inzwischen hat sich sogar ein regelrechter Zwang zur Zeitoptimierung entwickelt. Menschen sind heute mit so vielen Möglichkeiten konfrontiert, wie sie ihr Leben gestalten und ausfüllen können, dass sie scheinbar unruhig bei dem Gedanken werden, den Großteil der Möglichkeiten nicht wahrnehmen zu können. Eine Reaktion ist dann häufig, so viel wie möglich in eine Stunde, einen Tag, ein Jahr hineinpressen zu wollen. Ob das wirklich dazu führt, dass die Lebenszeit besser genutzt wird, hat schon Seneca in seiner Schrift De Brevitate Vitae (dt. Über die Kürze des Lebens) beschäftigt.

Mit dieser Entwicklung steigen die Anforderungen an das Zeitdesign von Produkten und Services. Insbesondere müssen sich Designer auf eine ständige Ungeduld von Kunden einstellen. Eine Webseite, die zu lange lädt, oder ein Café, in dem die Bedienung zu langsam ist, werden ungern ein zweites Mal besucht. Ebenso ist Zeitersparnis wohl eines der verbreitetsten Verkaufsargumente. Neue Hochgeschwindigkeitstrassen sollen Zugreisende schneller ans Ziel bringen. Moderne Sportstudios versprechen dank elektrischer Muskelstimulation das wöchentliche Training auf wenige Minuten zu verkürzen.

Mit steigendem Zeitdruck nimmt außerdem die Bedeutung der Freizeit zu. Mehr und mehr Menschen arbeiten im Home Office oder auf Projekten und sind durch Handys und Laptops ständig „unter Strom“. Die wenigen freien Stunden sollen deshalb voll ausgekostet werden. Urlauber erwarten häufig, dass jeder Tag ein besonderes Erlebnis bringt: Fallschirm springen, mit Delphinen schwimmen, Berge besteigen – ein einfacher Tag im Ferienhaus ist vielen nicht mehr genug.

Doch auch in weniger aufregenden Kontexten spielt der Umgang mit der Zeit eine wichtige Rolle. Sei es beim Zahnarzt, im Flugzeug oder bei der Installation einer Software. Erfolgreiches Zeitdesign sollte darauf abzielen, schöne Momente auszudehnen und unangenehme möglichst schnell vorbeiziehen zu lassen. Zudem kann gutes Design gestressten Menschen das Gefühl geben, den Luxus von ausreichender Zeit zu haben. Wie können etwa die Besucher eines Möbelhauses das Gefühl erhalten, sich dort gerne aufzuhalten und nicht ihre Zeit in endlosen Gängen zu verschwenden?

Ein Sonnenuntergang über Berlin – der Anblick lässt die Zeit vergessen.

Ein Sonnenuntergang über Berlin – der Anblick lässt die Zeit vergessen.

Wovon hängt unser Zeitgefühl ab?

Aufmerksamkeit

Die Zeit vergeht langsamer, wenn man gezielt darauf achtet. Das Warten auf einen Zug kann eine gefühlte Ewigkeit dauern, wenn man dabei das Ticken des Sekundenzeigers an der Bahnhofsuhr verfolgt. Liest man stattdessen Zeitung oder trinkt einen Kaffee, ist der Zug im Handumdrehen da. An der Supermarktkasse ist so eine Beschäftigung häufig nicht möglich, da man den Einkaufskorb in der Hand hat. Entsprechend bemüht sind viele Menschen, sich an der kürzesten Schlange anzustellen. Denn auch wenn sich der Unterschied vielleicht bloß auf zwei oder drei Minuten beläuft, fühlt er sich beträchtlich an.

Umgekehrt kann Aufmerksamkeit auch dazu genutzt werden, angenehme Momente stärker hervorzuheben. In einer Massagepraxis wäre es sinnvoll, sich während der Massage nicht mit dem Kunden zu unterhalten. Das Gespräch würde von der eigentlichen Massage ablenken und dazu führen, dass die Zeit schneller verstreicht. Das Beispiel zeigt, dass Zeitdesign einen starken Bezug zum Service Design hat.

Emotion

Bei normalen Handlungen, zum Beispiel beim Kochen oder beim Auto fahren, sind ein oder zwei Sekunden nicht besonders lange. In sehr emotionalen Situationen können die Sekunden hingegen regelrecht einfrieren. Der Moment, in dem man vom 10-Meter-Brett springt oder mit Freunden herzhaft über einen Witz lacht, wirkt länger als der Augenblick, in dem man zum Beispiel Spaghetti in einen Kochtopf schüttet.

Dieser Effekt gilt vor allem für kurze Augenblicke, in denen Emotionen voll zum Tragen kommen. Der Körper spielt dabei eine Schlüsselrolle. Emotionen versetzen den Körper in einen angeregten Zustand: zum Beispiel steigt der Puls und der Atem wird schneller. Mit dem Uhren-Modell gesprochen wird damit auch das innere Metronom schneller, das die Zeit in Einheiten teilt. Dadurch kann das Metronom in einem bestimmten Zeitraum öfter ausschlagen und der Zeitraum kommt uns ausgedehnter vor.

Die Vorfreude auf eine große Feier kann zur Zerreißprobe werden.

Die Vorfreude auf eine große Feier kann zur Zerreißprobe werden.

Erwartung

Dass Erwartung das Zeitempfinden verändert, kennt man von Preisverleihungen und Wettbewerben. Wenn der Laudator nach „and the winner is…“ die Karte mit den Preissiegern aus dem Umschlag zieht, scheint es unglaublich lange zu dauern. Würde man stattdessen einen gewöhnlichen Brief aus einem Umschlag ziehen, den man mit weniger Spannung erwartet, käme einem die gleiche Zeitdauer kürzer vor. Es ist das Warten auf den Namen des Gewinners, das den Moment so in die Länge zieht.

Der Effekt gilt aber vor allem für unangenehme Reize. Wenn man mit den Händen einen Luftballon zerdrückt, weiß man genau, dass er irgendwann mit einem lauten Knall zerplatzen wird. Die Sekundenbruchteile davor nimmt man besonders langsam und deutlich wahr. Das könnte damit zusammenhängen, dass sich der Körper in einer angespannten Alarmstellung befindet, jederzeit bereit zu reagieren.

Personen, die im Bürgeramt oder am Bahnhof warten, sollten deshalb über die verbleibende Wartezeit aufgeklärt werden. Andernfalls befinden sie sich in einer dauerhaften Erwartungshaltung, die das Warten gefühlt ausdehnt. In der umgekehrten Form wird dieser Effekt gerne bei Musikkonzerten oder Feuerwerken eingesetzt. Durch mehrere Pausen und Zugaben wird der Zuschauer in Ungewissheit gelassen, wann die Show vorbei ist. Dadurch verlängert sich die wahrgenommene Dauer.

Neuheit

Wenn man in eine neue Wohnung zieht und zum ersten Mal von dort aus zum Büro fährt, erscheint die Anreise oft besonders lang. Neue Reize schätzen wir nämlich generell länger ein als bereits bekannte. Einer Theorie von Eagleman et al. (2009) zufolge liegt das daran, dass der Aufwand größer ist, um neue Reize zu verarbeiten. Die schwierigere Verarbeitung bewirkt eine größere Aufmerksamkeit auf die Reise, die deshalb mehr Raum im Bewusstsein einnehmen.

Dieser Effekt spielt insbesondere für Services eine Rolle. Will ein Kunde etwa eine neue SIM-Karte für sein Handy registrieren lassen, so wird ihm der unbekannte Vorgang tendenziell länger vorkommen als dem Mitarbeiter im Telefongeschäft, der den Ablauf schon hunderte Male durchschritten ist. In Trainings können die Mitarbeiter darauf aufmerksam gemacht werden, dass ihre Wahrnehmung sehr anders sein kann als die der Kunden. Das Hilft es den Mitarbeitern, Verständnis für die Kunden zu entwickeln und besser auf sie einzugehen.

Erinnerungen

Die Erinnerung spielt vor allem eine Rolle, wenn rückblickend die Dauer längerer Zeitspannen beurteilt wird. Zwei Wochen Ferien, in denen man mit Freunden für einige Tage ans Meer fährt, ein ganzes Buch durchliest und eine neue Couch für das Wohnzimmer kauf, können rückblickend wie ein ganzer Monat wirken. Zwei gewöhnliche Arbeitswochen können sich zwar sehr in die Länge ziehen. In der Rückschau stellt man aber oft mit Überraschung fest, dass schon wieder zwei Wochen vergangen sind. Je nach dem, wie viele Erinnerungen man an einen Zeitraum habt, desto länger kommt er einem vor.

Zusammenfassung

Die Zeit ist etwas kostbares. Das galt schon in der Antike und ist auch heute noch der Fall. Designer sind verantwortlich für die Gestaltung von etwas, das die Zeit anderer Menschen beanspruchen soll. Ein gutes Zeitdesign sollte daher immer Teil der Überlegungen sein. Wie geht das Produkt oder der Service mit der Zeit der Nutzer um? Und wie können die positiven Anteile der Interaktion betont und die negativen abgeschwächt werden? Möglichkeiten sind die gezielte Steuerung von Aufmerksamkeit und Erwartungen und die Berücksichtigung von Neuheitseffekten, Emotionen und Erinnerungen. Ist das Design erfolgreich, hat der Nutzer am Ende das Gefühl, seine Zeit gut investiert zu haben.

Literatur

Tags

Design
Service
Wahrnehmung
Warten
Zeit

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